An langsame Tempi sind die Münchner Philharmoniker gewöhnt: Sie zelebrierten unter dem späten Celibidache wichtige Teile des sinfonischen Repertories im Zeilupen-Feeling. Celi mochte zu Lebzeiten keine Mitschnitte seiner Konzerte zur Veröffentlichung genehmigen; das Wissen um die Schwierigkeit des authentischen Konservierens speziellen Zeitgefühls beim Musizieren könnte eine wichtiger Grund gewesen sein. Vor diesem Hintergrund möchte der Rezensent nicht ausschließen, dass das live mitgeschnittene Brahms-Requiem auf dieser DVD in der Münchner Philharmonie an jenem Abend im April 2007 eine großartige Wirkung entfaltet hat. Im Nacherleben mittels eines Ton- und Bildträgers jedoch steht es streckenweise förmlich auf der Stelle. De facto fand der Rezensent unter den zehn Einspielungen des Werks in seinen CD-Regalen keine einziege, in der der vierte Satz ("Wie lieblich sind deine Wohnungen") die Sechs-Minuten-Grenze überschreitet; Thielemann musiziert das kurze Stück in 6:39. Ergebnis ist, das jene Sehnsucht nach den Wohnungen des Herrn Zeboath, von denen im Psalmtext die Rede ist, fast den Beigeschmack der Agonie erhält. Und im anschließenden Sopransolo "Ihr habt nun Traurigkeit" das nur Rudolf Kempe 1955 mit Elisabeth Grümmer annähernd so langsam musizierte, muss Thielemanns Solistin Christine Schäfer unverhältnismäßig oft, teilweise nach einzelnen Worten, nachatmen. Sie meistert das Atemproblem souverän, behält bei frontal auf sie gerichteter Kamera einen kühlen Kopf - aber die Musik rührt sich nicht vom Fleck. Ist es verwerflich, etwa bei "Sehet mich an ..." ein wenig anzuziehen, wie das viele Dirigenten tun, und damit den Gestus der an dieser Stelle noch intensivierten Anrede zu unterstreichen? Diesen grundsätzlichen Kritikpunkten steht die Perfektion der Darbietung gegenüber; freilich musizieren Chor und Orchester unter Thielemanns minutiös genauer Leitung höchst vollkommen. Aber wie mühsam ist das Zuhören, wenn selbst hochdramatische Passagen ("Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg") seltsam buchstabiert daherkommen, wenn sich selbst in den finalen Fugen ("Die Erlöseten des Herrn ...") die Spannung niemals über ein gelösteres Tempo entlädt? Thielemann formt und gestaltet unablässig auf Detailebene, teils mit weit aufgerissenen Augen zwingt er das riesige Ensemble zu einer mitunter lähmenden Langsamkeit, die den vielen aufblühenden, aufjubelnden oder aufbegehrenden Passagen nicht gerecht wird. Michael Wersin Rondo, Jan. 2011
LENFANT ET LES SORTILEGE Zwei Ballette, die seit langem Jung und Alt gleichermaßen begeistern. Mit Maurice Ravels L'enfant et les sortilèges (Das Kind und die Zaubereien) und Sergei Prokofjews Peter und der Wolf hat man zwei eigentlich als Kinderballette deklarierte Meisterwerke auf einer DVD zusammengefasst. Beide werden hier kindgerecht aufbereitet und sind doch auch für Erwachsene ein echter Leckerbissen. L'enfant et les sortilèges erzählt nach einem Libretto von Colette die Story von einem störrischen, frechen Knaben, der seiner Mutter nicht gehorchen will und nur Unsinn treibt. Der trotzige Bursche quält Tiere und zerstört mutwillig Gegenstände in seinem Zimmer. Erst als die geschundenen Kreaturen und Dinge gleichsam mit Zauberkraft zum Leben erweckt werden und sich an dem Missetäter rächen, findet eine Wendung zum Besseren statt: Der Junge lernt seine Lektion und erkennt seine Schuld. Maurice Ravel (1875?1937) hat die lehrreiche Parabel um 1920 in ein wunderbares Tanzstück verwandelt, das Star-Choreograf Jirí Kylián und das Nederlands Dans Theater kongenial ausdeuten. Sie haben sich für ihre Fassung des Ballettmärchens so viele originelle Tanzschritte und witzige Ausstattungsdetails einfallen lassen, dass man aus dem Staunen gar nicht herauskommt. Traumhaft schön! Eine ganz andere Kindfigur als die aus Ravels Werk präsentiert Sergei Prokofjew (1891?1953) in Peter und der Wolf. Hier begegnen wir einem mutigen und braven Jungen. Der fängt nur mit einem Seil einen Wolf, der zuvor eine Ente gestohlen und gefressen hat. Peter beweist im Kampf mit dem Raubtier seine Cleverness und Unerschrockeneit und zeigt überdies auch noch seine Tierliebe, indem er dafür sorgt, dass der Wolf nicht getötet, sondern in einen Zoo gegeben wird. Prokofjew hat diese Fabel klanglich sehr anschaulich illustriert, jeder Person und jedem Tier der Handlung wird hier ein eigenes Instrument zugeordnet. So unterstützt die Musik ohrenfällig den Fortgang der Geschichte. Arrivierte Solisten sowie Schüler der Royal Ballet School unter Leitung von Matthew Hart erzählen Peter und der Wolf so erfinderisch und fantasievoll mit den Füßen, dass Groß und Klein ihren Spaß daran haben dürften. Das ist Ballettkunst vom Allerfeinsten! -Harald Kepler
DVDs:
Strauss, Richard - Der Rosenkavalier [2 DVDs]
Mit Renée Fleming, Diana Damrau, Sophie Koch, DVD, Verkaufsrang 41069