Kaum ein Mensch hat so viel von der Welt gesehen wie Ryszard Kapuscinski, einer der bedeutendsten Journalisten der Gegenwart. In Die Welt im Notizbuch beobachtet er globale Entwicklungen wie mikroskopische Details, stellt sie nebeneinander, verbindet oder reflektiert sie, bezieht sie in verblüffender Weise aufeinander. Aus Gedankensplitter, Reportagen, Fragmenten und Essays vieler Jahre formt sich eine Welt, die wir zu kennen meinten, die wir so aber noch nie gesehen haben. Lieben Sie Geschichten? Menschen, Ereignisse, Spannung? Oder halten Sie es mehr mit Essays, mutigen Gedankenflügen zu außergewöhnlichen Zielen? In beiden Fällen lesen Sie bitte etwas anderes. Zwar treten bei Kapuscinski durchaus Menschen auf, reale Menschen, meist Literaten. Aber all diese Mini-Portraits führen nicht über sich selbst hinaus, bleiben Anekdote. Auch Geschichten werden erzählt, so ist es nicht, aber nur Mikro-Dramen als Anschauungsmaterial für die konstatierte globale Misere. Und statt auf den Transkontinentalflug gedankenreicher Essayistik bittet der Autor die Leser lediglich zur Floßfahrt auf dem Strom privater Reflexionen. Ein Driften, das Zeit lässt für genaue Blicke auf die Welt entlang des Ufers, Blicke immerhin eines hochgebildeten Bewusstseins, eines weit gereisten Europäers. Aber die Passagiere müssen bereit sein zu einer Lektüre von über 300 Seiten. Da Kapuscinski den Gedankenstrom nicht durch Staumauern aus Kapitelüberschriften unterbricht, erschient das Buch tendenziell endlos. Warum gerade auf Seite 335 Schluss ist, bleibt unklar. Es muss eine Leserschaft geben für dergleichen, denn dies ist bereits der zweite Band, den Eichborn herausgibt. Sie hören schon: Der Rezensent gehört nicht unbedingt zu dieser Gemeinde. Dabei: Ich habe viel angestrichen, wundervolle Funde lassen sich machen. Der Satz Werner Heisenbergs etwa: "... denn wo kein Inhalt mehr nach Gestaltung drängt, hilft es nichts, neue Formen zu erfinden." Vielleicht so etwas wie die Erklärung für Kapuscinskis Schreiben. Vermuteter Antrieb von Kapuscinski Lesern: Wir letzten gebildeten Europäer hören uns beim Denken zu und kein Franzose wird uns einreden, es handle sich auch bloß um weißes Rauschen. -Michael Winteroll
Buch:
Die drei Versuche: Versuch über die Müdigkeit - Versuch über die Jukebox - Versuch über den geglückten Tag (suhrkamp taschenbuch)
Autor:
Peter Handke, Ausgabe vom 25. Juni 2001, Taschenbuch, Verkaufsrang 182047
Lange Zeit haben wir geglaubt, der Umzug Max Goldts von Berlin nach Hamburg Ende der 90er-Jahre habe seinen Kolumnen nicht gut getan. Erlebt man, haben wir uns bestürzt gefragt, in Hamburg nichts Skurriles und Bemerkenswertes mehr? Ist Berlin tatsächlich das bessere Pflaster für einen grotesken Alltag? Denn jedes Mal, wenn das Satiremagazin Titanic einen neuen Text Goldts publizierte, legten wir ihn enttäuscht zur Seite und sehnten uns nach kleinen Meisterwerken wie jenen, die in den Sammelbänden Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zwittau (1993) oder Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich wäre Heinz Kluncker (1994) stehen. Nach der ebenfalls fulminanten Blütenlese Der Krapfen auf dem Sims (2001), die teils stark überarbeitete Kolumnen aus Titanic, Der Rabe und jetzt enthielt, ist nun mit Wenn man einen weißen Anzug anhat allerdings ein weiteres, versöhnliches, wenn auch schmales Buch in bester Goldt-Manier erschienen, das an gute alte Zeiten anknüpfen kann, aber auch neue, leisere Töne anschlägt. Auch die literarische Form ist anders: Während Goldts Kolumne "Aus Onkel Max Kulturtagebuch" das hier angestrebte Genre lediglich im Titel trug, so hat der Autor mit diesem Tagebuch-Buch nun Neuland betreten. So kommt es, dass Goldt aus sehr subjektiver Tagesperspektive über die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 mit den "Dekorationsadjektiven" der Sensationspresse ebenso reflektieren kann wie über die Lachgewohnheiten von Lesungsgästen beim Name-Dropping (und deren Unterwanderung) oder die Eigenheiten einer "superkackekligen" Literaturkritik. Nur die für Goldt typischen Bilder mit ihren originellen Unterschriften fehlen schmerzlich. Endlich wieder ein Goldt-Buch, denken wir, das man vergnügt, angeregt und gut unterhalten bis zum Ende lesen kann. Und was lesen wir am Ende, als biografische Notiz? "Lebt in Berlin." Also wieder umgezogen. Das erklärt natürlich alles. -Thomas Köster Er schreibt seit über 10 Jahren Kolumnen für "Titanic". Sein ungefilterter Blick auf die alltägliche Wirklichkeit und sein Infragestellen von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten sind mittlerweile Legende. Max Goldt, der sich auch als Musiker, Verfasser von Hörspielen und zusammen mit Stephan Katz als Comic-Produzent betätigt, ist zudem ein begnadeter Interpret seiner eigenen Texte. Mit diesen zwei CDs liegt eine Textsammlung aus Goldts letztem Buch "Wenn man einen weißen Anzug anhat", dem Buch "Der Krapfen aus dem Sims" sowie teilweise unveröffentlichten Texten vor. "Wenn man einen weißen Anzug anhat" ist ein Tagebuch-Buch, das im September 2001 beginnt und Anfang 2002 endet. Gerade zu der Zeit, als die Welt wegen des Anschlags vom 11. September Kopf steht, steht der Autor kurz vor einer Reise durch Franken, zusammen mit seinem Freund und einem befreundeten New Yorker. Die Ruhe, die in der Folge des Attentats angeblich im ganzen Land herrscht, kann Goldt nirgends, nicht in Berlin, nicht in Dinkelsbühl finden. Sie erinnert ihn etwas an das Wunschdenken des DDR-Fernsehens. Bei einem Abstecher nach Windischeschenbach, zum tiefsten Loch der Welt, kommt er mit seinen zwei Begleitern in den Genuss eines englischen Vortrags, der ihn unwillkürlich an das knarrende Nazi-Englisch in früheren Hollywood-Filmen erinnert. Perfekt nachgeahmt vor Vortragenden selbst! Sehr anregend sind auch Goldts Sprach-Beobachtungen. Warum heißt es immer "feiger Anschlag", warum wird von "fieberhaften Bergungsarbeiten" gesprochen? Diese gar nicht passenden Kombinationen sind Ausdruck unserer Medienwelt, in der es nicht um treffende, sondern um spektakuläre Formulierungen geht. Und seine Anmerkungen zur Entschuldigungsmanie unserer Zeit, weshalb es vor allem keinen Sinn mache, wenn Gräfin Gloria sich für ihre Bemerkung "dass Afrikaner zu viel schnakseln" entschuldigen würde, sind großartig. Max Goldt kann, was viele leider nicht so gut beherrschen: Er vermag seinen "frechen" Ideen, seinen schrägen Assoziationsketten genau den richtigen sprachlichen Rahmen zu geben. Seine immer leicht ironisch klingende Stimme hält der spöttisch-durchleuchtenden Entwicklungsarbeit seiner Sätze bravourös stand, ohne jemals flach zu werden. Ein Highlight dieser Sammlung ist der Text "Was würden Sie tun, wenn Sie reich wären?". Der Autor würde sich in der Schweiz ein Sanatorium kaufen, in dem er Heroin unter ärztlicher Anleitung testen würde. Wenn er den unübertrefflichen Zustand erleben dürfte, würde er die Forderung aufstellen: Heroin soll raus aus dem Bahnhofsmilieu und rein in den Wellness-Bereich. Auch nicht ohne ist seine Auseinandersetzung mit der Frage "Was den new petit bourgeois auszeichnet. Ein Charakteristikum des heutigen Spießers ist für den Autor, und nicht nur für ihn, dessen amateurpornografische Manie, als deren Vorläufer man die Modelleisenbahn nennen darf. Autorenlesung, Spieldauer: ca. 157 Minuten, 2 CD. - culture.text
Buch:
Kritik der reinen Toleranz
Autor:
Henryk M. Broder, Ausgabe vom 3. Sept. 2008, Gebunden, Verkaufsrang 174143
Aus der Amazon.de-Redaktion Jetzt wird?s gefährlich. Wer nämlich eine andere Weltsicht hat oder andere Meinungen vertritt als Henryk M. Broder oder, schlimmer noch, Seine Majestät höchstselbst zu kritisieren wagt, läuft leicht Gefahr, reflexhaft als Antisemit, Antiamerikaner, Unterdrücker, Diskriminierer, Schmarotzer, Homophobe, Sexist, Klassist, Rassist etc. gebrandmarkt zu werden. Doch trotz oder gerade wegen des Risikos einer Fatwa seitens dieses notorischen Wadenbeißers, der selbst ganz unverschämt Querulanz und Intoleranz zu Tugenden erhoben hat, ist Courage höchste Bürgerpflicht. Bester Beleg ist das vorliegende Buch, das knapp ein Jahr nach Erscheinen nun als Paperback beim Pantheon Verlag neu aufgelegt wurde. Es zeigt in exemplarischer Weise die Strategie dieses Meisters der Rhetorik und Demagogie, der es sich zum Sport gemacht hat, Kontrahenten mit scharfer Zunge und spitzer Feder mindestens sprachlos aber lieber noch mundtot zu machen. Wie ein Berserker hebt der Mann, der sogar soweit ging, sich bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen als Zeichen seiner fundamentalen Opposition gegen einen angeblichen Zeitgeist falsch verstandener Toleranz demonstrativ mit George W. Bush zu solidarisieren, zum Rundumschlag gegen all jene innerhalb und außerhalb unserer Gesellschaft an, die im Grunde zivilisatorisch immer noch nicht auf der Höhe der Zeit sind. Doch wenn schon nicht Broder, so hätte doch wenigstens der bewunderte unbeugsame wiedergeborene Christ wissen müssen, dass die Devise nicht mehr "Auge um Auge, Zahn um Zahn" lautet, sondern "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!". Eine Formel übrigens, die dem Aufklärer Immanuel Kant, auf dessen Kritik der reinen Vernunft Broder im Buchtitel Bezug nimmt, als Vorlage für seinen kategorischen Imperativ diente. ? Arnold Abstreiter