SINFONIEN 1-9 Bezüglich der Sinfonien Ludwig van Beethovens hat Günter Wand Interpretationsgeschichte geschrieben: Die Neunte führte er in Köln mit seinem Gürzenich-Orchester erstmals 1955 in Beethovens originaler Version auf; davor war stets eine "aufgepeppte" Version mit Instrumentationszusätzen von Gustav Mahler und Richard Wagner gespielt worden. Heutzutage ist es schlechterdings nicht mehr vorstellbar, etwas anderes als das Original zu musizieren. Aber selbst 1963 noch wiederholte sich für Wand die Kölner Geschichte in Hamburg: Hier hatten die Orchestermusiker sich von der Bearbeitung ihres geliebten Wilhelm Furtwängler zu verabschieden, was zu nicht unerheblichen Auseinandersetzungen führte. Damals dachte natürlich noch niemand daran, dass Wand fast 20 Jahre später der Chefdirigent dieses Ensembles werden würde und dass eine brillante Einspielung aller Beethovensinfonien (aufgenommen in den Jahren 1985 bis 1988 im Studio) eine seiner größten Hamburger Leistungen werden sollte. Der Wille des Komponisten steht für Günter Wand immer an erster Stelle; nicht "interpretieren" will er ein Werk, sondern möglichst das zum Vorschein bringen, was der jeweilige Komponist intendiert hat. Trotz dieser kompromisslosen Werktreue ist Wand selbstverständlich kein Anhänger der "Historischen Aufführungspraxis": Scharfe Kontraste sowie andere Ecken und Kanten, die Dirigenten wie John Eliot Gardiner oder Roger Norrington gerade auch in Beethovens Werken zum Vorschein gebracht haben, wird man in Günter Wands Einspielungen nicht finden. Andererseits jedoch fasziniert er durch einen schlanken, flexiblen Klang, der trotz einer eher "romantischen" Grundstimmung große Durchsichtigkeit ermöglicht und Liebe zum Detail erkennen lässt. In dieser Hinsicht sind die rein instrumentalen Sinfonien Nummer 1 bis 8 sowie die drei ersten Sätze der Neunten durchweg eine reine Freude; im Finalsatz der Letzteren hätte man sich vielleicht eine vibratoärmere Sopranistin als Edith Wiens sowie einen Chor von ähnlich jugendlich-frischer Qualität wie der Stuttgarter Kammerchor oder der Monteverdi Choir gewünscht. Diese vokalen Kritikpunkte schmälern jedoch kaum den Wert von Günter Wands vorbildlicher dirigentischer Leistung; in gewohnter Weise tritt er selbst ganz hinter den Komponisten zurück und erweist sich gerade daher als einer der ganz großen Orchesterleiter unserer Tage. -Michael Wersin
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Goldberg Variationen Ein junger Mann aus der Provinz, begabt, sehr selbstbewusst und gut aussehend dazu, macht sich auf in die weite Welt. In diesem Fall nach Berlin, wo all die Plattenfirmen sind. Und die, offenbar beeindruckt von Martin Stadtfelds Eloquenz und seinem Auftreten geben ihm die Chance seines Lebens: die Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen. Nun heißt es, in Deutschland stamme das Genie aus der Provinz. Das Temperament und die Klarheit eines Glenn Gould, jenes genialen Pianisten, der mit 22 Jahren das gleiche Werk einspielte, sind bei dem fast gleichaltrigen Martin Stadtfeld da. Und manchmal auch die Rasanz, mit der dieser seine Aufnahme absolvierte, die er im Übrigen später für überschätzt hielt. Nur stellt sich bei Stadtfeld kein "freies Gefühl", kein "inneres Beben", das seinerzeit Glenn Goulds Intrepretation so einzigartig machte, ein, eben das, was Musikkritiker spröde mit "Binnendynamik" bezeichnen. Noch ist Martin Stadtfeld zu sehr am Notentext verhaftet. Gewiss hat er einen Sinn für Bezüge, für gewichtige Zusammenhänge, wenngleich er diese manchmal eigenwillig interpretiert, indem er schon mal Stimmen um eine Oktave verschiebt. Diese vom PR-Text genannten "musikdramaturgischen Eingriffe" ändern dennoch nichts daran, dass seine stürmisch, bisweilen heitere auf jeden Fall technisch brillante Intepretation einfach (noch) nicht atmet und lebt. -Teresa Pieschacón Raphael