Aus der Amazon.de-Redaktion "Bienen auf dem Kuchen?, so das "Fragment einer Erzählung", sorgen während einer Autofahrt entlang den steilen Schluchten auf dem Dach der Welt für Unruhe im Wageninnern. Dann wieder blitzt der allseits berüchtigte Bonvivant auf, der mitten im innerasiatischen Hochland ein "Le Cafe Chinois" entdeckt, und eine "Grande Lowfat Triple Latte? sämtliche Unbill vergessen lässt. Einige Kapitel zuvor, im "Tagebuch der Entsagungen", schufen Heilfasten plus Einlauf in der Überlinger Buchinger-Klinik, einer "Welt ganzheitlichen Wohlbefindens" (Eigenwerbung), schlackenreinste innere Klarheit. Große Sprünge, große Sprüche, kluge Gedanken, abseitige Welterklärungstheorien. Und immer - großer Stil. Christian Kracht meldet sich wortreich und schwergewichtig zurück! Kein Zweifel, der Mann, der einst mit Faserland das Koordinatensystem der Popliteratur überhaupt erst definierte, hat mit den von Uslars und Lottmanns dieser Welt nicht das Geringste mehr gemein. Christian Kracht ist im besten, wenn oft auch nicht immer verständlichsten Sinne, abgehoben. Nichts ist ihm auf seinen weltumspannenden Meditationsfeldern abseitig und esoterisch genug, um nicht miskroskopisch genau betrachtet zu werden. Ob der eingesargte Reaktor von Tschernobyl, die Suche nach dem sagenhaften mongolischen Nationalgericht Boodhkh, einem mit dem Schneidbrenner gegarten Murmeltier, der Mythenforscher Kracht empfängt seine Schwingungen inzwischen aus anderen Galaxien. Merkwürdigkeiten und Kuriosa allerorten. Seinen "Weg zur Absorptionskältemaschine" fand - so die Einsicht des Autors - der ungarische Physiker Leó Szilárd erst nach eingehendem Studium seines Flatulenzverhaltens in der Badewanne. Ob Kracht selbst das Pulver der Kava-Wurzel, das bei Südseeinsulanern Angst- und Spannungszustände mildern, Euphorie und Gesprächigkeit fördern soll, genossen hat, liegt im Dunkeln. Seine Spurensuche nach der Mythengestalt des John Frum auf den Neuen Hebriden nährt allerdings diesen Verdacht. Literarische Gemmen, schwindelerregende E-Mail-Korrespondenz und buchstäblich absurdes Theater lösen einander ab. Das den rätselhaften Titel "Hubbard" tragende Theaterstück um zwei arme Teufel, die als Maler zu Geld kommen wollen, könnte gut und gerne von Botho Strauß plus Beckett nach ausgiebigem Kavawurzelgenuss stammen. Christian Kracht gibt Rätsel auf - aber schöne! -Ravi Unger 1
Buch:
Der große Bagarozy
Autor:
Helmut Krausser, Ausgabe vom 1. Febr. 1999, Taschenbuch, Verkaufsrang 208276
Aus der Amazon.de-Redaktion Die Papierschere im Kopf "Gleichzeitig mit dem Wagen von Federal Express treffe ich vor meiner Hütte ein und halte kurz darauf, vor Neugier fiebernd, einen ganzen Stapel vor wenigen Tagen bestellter, druckfrisch duftender Bücher in den Händen. Am liebsten würde ich alle zugleich durchlesen." Bücher, Broschüren, Websites, Booklets, Schallplatten, CDs - in den Texten des Autors, Radio-DJs und Musikers Thomas Meinecke dreht sich fast alles ums Lesen und Hören. Obwohl auch Hellblau als Roman firmiert, wird man einen klassischen Plot und traditionelle Figurenpsychologie vergeblich suchen. Ein Autor, der nicht erfindet, sondern mitschreibt. Macht nichts: Meineckes Figuren entstehen durch die Texte und Platten, die sie konsumieren, über die sie sich, via E-Mail und Telefon, austauschen: Cordula, Zweitsemester an der Humboldt-Universität in Berlin korrespondiert mit Tillmann in North Carolina und Yolanda in Chicago, die beide für ein gemeinsames Buch über "racial cross dressing" recherchieren. Wie seine Vorgänger The Church of John F. Kennedy und Tomboy kreist auch Hellblau um die Pluralisierung traditioneller Identitätskonstruktionen - diesmal geht es Meinecke jedoch nicht vordergründig um die Veränderung deutscher Traditionen auf dem Boden der Neuen Welt oder "gender troubles", sondern um die Regeln, nach denen sich ethnische Identitäten aufbauen. "Was ist ein Europäer, Afrikaner, Amerikaner, der jüdische Mann?" Was, bitte, haben der transatlantische Sklavenhandel und die "Black Atlantic"-Theorie des englischen Kulturwissenschaftlers Paul Gilroy mit den Berichten über deutsche U-Boot-Wracks vor der Küste North Carolinas und den Platten des Detroiter Techno-Labels Underground Resistance zu tun? Was jüdische Idiome in den Rap-Texten der Beasty Boys mit der Geschichte der White Negroes - weiße, oft jüdische Jazzmusiker, die in den Zwanzigern die schwarze Kultur lebten? Bietet die Antwort auf all diese Fragen am Ende einen veränderten Blick auf die Abschiebepraxis von Asylanten aus Deutschland und den Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern? Einmal mehr hantiert Meinecke, seinen Protagonisten nicht unähnlich, lustvoll mit Papierschere und Kopierer. In bester Sampling-Manier werden Theoriefragmente und Produkte der Kulturindustrie auseinander geschnitten, neu zusammengesetzt und zu einem - trotz der auf den ersten Blick knochentrocken scheinenden Materie - groovenden Text-flow arrangiert. Hellblau endet mit einem Empedokles-Fragment, das sich angeblich auch auf dem Grabstein Hubert Fichtes findet: "Einst bin ich ein Knabe, ich bin auch ein Mädchen gewesen, Busch und Vogel und Fisch, der warm aus dem Wasser emporschnellt." - Mit der Hommage an den 15 Jahre nach seinem Tod fast vergessenen Dichter-Kollegen stellt sich Meinecke bewusst in eine andere Tradition popliterarischen Erzählens, als sie in Deutschland einig Faselland lange en vogue war. Die heimliche Rückkehr des Denkens in das Erzählen muss also keine dröge Veranstaltung für kulturwissenschaftliche Oberseminare bleiben - sie macht, Meinecke beweist es, sogar eine Menge Spaß. -Niklas Feldtkamp 1
Buch:
In fremden Gärten
Autor:
Peter Stamm, Ausgabe vom 26. Sept. 2005, Taschenbuch, Verkaufsrang 323509
Aus der Amazon.ch-Redaktion Wir erinnern uns an Agnes, an Blitzeis und an Ungefähre Landschaft. In fremden Gärten, der neueste Erzählband des Winterthurer Autors Peter Stamm, wird uns nicht enttäuschen, er bleibt seinem trockenen, fast spröden Stil treu. Stamms Blick auf die Welt ist ein kühler, er sieht die Tristesse des Lebens deutlicher als die Gaudi, er spart an Worten und gewinnt dadurch an Klarheit. Stamm ist ein Stilist. Die Titelgeschichte beispielsweise ist ein tragisches Familienopus auf wenigen Seiten, dann wieder hat einer, ein Stuntman, einfach nur Pech, dann flüchtet einer vor den Töchtern des Dr. Kennedy, die allzu treu umsorgend sich um ihn bemühten. In Stamms Geschichten ist fast immer ein Abschied dabei. Abschied von der Kindheit und von Träumen, Abschied von der Normalität, Abschied auch von der Liebe, was immerhin bedeutet, dass sie einmal da war. Und manchmal geht es auch den umgekehrten Weg, etwa wenn Inger sich plötzlich neben ihren alten Vater ins Bett legt, doch auch dies ist bereits wieder ein Abschied. So ernst die Geschichten auch daher kommen, so sind sie doch nicht ohne feinen Humor mit zuweilen überraschendem Ende und treffender Selbstironie. "Yoslana hat sich ein bisschen in dich verliebt. Ich habe ihr geraten, mit dir zu schlafen. Damit das aufhört." Damit hat der verliebte Freund bestimmt nicht gerechnet. -Martin Walker 1
Buch:
Huhu!
Autor:
Walter Moers, Ausgabe vom 1989, Gebunden, Verkaufsrang 198840